Google macht sich mit seinem Produkt-Ökosystem und Förderprogrammen für den Journalismus unverzichtbar. Das Geld, das Google an Medienhäuser, Pressevereine und für Nachwuchsförderung verteilt, kommt praktisch ohne Gegenleistungen daher. Trotzdem, oder gerade deswegen, halte ich es für ein Danaergeschenk. Ich sage das aus berufenem Munde, denn ich habe selbst zwei von Google finanzierte Stipendien bezogen.
Journalismus lebt von seiner Unabhängigkeit. Wer Geldgeschenke nimmt, ohne eine Leistung dafür zu erbringen, wird abhängig. Das gilt nicht unbedingt für einzelne Journalisten; ich habe keine Zweifel an der kritischen und couragierten Berichterstattung über Google durch viele der Medien, die aus der Digital News Initiative Geld erhielten. Doch die Verlage werden durch das Geld sanft gestimmt und in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung in eine Richtung gedrängt, die Google vorgibt. Man kann sagen: Die Medien werden zu Partnern von Google erzogen.
Freiheit und Verzicht
Im Pressekodex des deutschen Presserates heißt es: „Schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion könne beeinträchtigt werden, ist zu vermeiden.“ Wer das Geld einer Firma oder Organisation nimmt, schreibt nicht mehr so frei über sie wie vorher.
Ich war von Januar bis Juli 2017 Stipendiat am Reuters-Institut für Journalismusforschung in Oxford, danach arbeitete ich für drei Monate bei der NZZ in Zürich an einem Projekt. Google finanzierte einen maßgeblichen Teil des Geldes, das mir die Gastinstitutionen auszahlten. Ohne diese Mittel hätte ich beide Möglichkeiten nicht genutzt. Weder in Oxford noch Zürich hatte ich direkt mit Google zu tun, der Konzern mischte sich nicht in meine Arbeit ein. Dennoch wäre es naiv zu glauben, dass Google und sein Geld harmlos sind. Ich würde es heute nicht mehr annehmen.
Googles Komplizen
Google macht Medien und Journalisten mit seinen Geschenken zu Komplizen. Ob es um das dubiose Geschäftsmodell mit Nutzerdaten geht, Steueroptimierung in Offshore-Oasen oder Drohnenprojekte mit dem US-Militär: Google verdient und versteuert sein Geld nicht immer auf die sauberste Art. Je mehr wir davon als Medien nehmen, desto mehr werden wir Teil davon.
Klar lässt sich sagen, dass meine Position in der Frage sowohl bequem als auch kompromittiert ist, denn ich war Nutznießer des Geldes. Das will ich gar nicht abstreiten. Dennoch ist mir wichtig, mich heute davon abzugrenzen. Es geht, wie ich glaube, um mehr als das Handeln von Einzelnen.
Die Frage berührt die ganze Branche: Wer heute über Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft berichtet, kommt an dem Internetriesen Google und seinen Mitbewerbern Facebook, Apple, Amazon und Microsoft nicht vorbei. Ob es nun um die Zukunft des Urheberrechts geht, die Entwicklung von künstlicher Intelligenz, selbstfahrenden Autos oder politischen Debatten und Wahlkämpfe im Netz: Überall sind die großen Internetfirmen relevant und ein Machtfaktor. Wer von diesen Firmen Geld nimmt, wird gegenüber der Öffentlichkeit erst noch seine Unabhängigkeit unter Beweis stellen müssen.
Das 150-Millionen-Programm von Google wirft zudem die Frage auf, warum es sonst kaum etwas Vergleichbares gibt. Medien überall in Europa suchen nach Hilfe für ihre digitale Transformation, neue Geschäftsmodelle und Lösungen für transparenteren, lesernäheren Journalismus. Öffentlich-rechtliche Finanzierung kann eine Lösung sein, aber es ist wohl nicht die einzige. Google zeigt, wie private Firmen eine Lücken schließen, die sich mangels Alternativen geöffnet hat. Wir brauchen nun neue Modelle zur Finanzierung und Weiterentwicklung der Medienlandschaft, die unabhängig von Konzernen ist. Der Fall Google ist ein Weckruf, denn die Freiheit der Presse muss auch finanziell gesichert werden.
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Die Recherche zu Googles Geld und seinem Einfluss auf Journalismus und Medien in Europa ist ein Projekt von Ingo Dachwitz und Alexander Fanta. Ein halbes Jahr lang haben sie Informationen über Googles (Digital) News Initiative und den dazugehörigen Innovationsfonds gesammelt, eine Datenbank der geförderten Projekte aufgebaut und analysiert, Interviews mit Expertinnen, Verantwortlichen und Mittelempfänger:innen geführt. Am Ende sind sie überzeugt: Die Nachrichteninitiative bringt spannende Projekte hervor und doch ist sie ein Problem. Bisher erschienene Texte:
- Überblick: Die zentralen Ergebnisse der Datenrecherche und die Methode
- Analyse: Googles Rolle im Nachrichtenökosystem
- Analyse: Wie Googles Geld in Deutschland wirkt
- Kommentar: Warum ich das Google-Geld heute nicht mehr nehmen würde.
- Factsheet: Ausführlichere Ergebnisse der Datenanalyse [PDF]
- Im österreichischen Falter: Gottes Werk und Googles Geld
- In der Schweizer Republik: Wie Google zum Medien-Mäzen wurde
- Englische Version: The Publisher’s Patron: How Google’s News Initiative Is Re-Defining Journalism
